„Ohne Bewegung gäbe es kein Leben und keine Entwicklung“

Elke Gulden ist Tanzpädagogin und staatlich geprüfte Gymnastiklehrerin. In ihrem „Institut Elke Gulden“ (www.elke-gulden.de) bietet sie im deutschsprachigen Raum Seminare mit den Schwerpunkten Bewegung, Tanz und musikalische Frühförderung an. Zielgruppe der Veranstaltungen sind pädagogische Fachkräfte. Drei Fragen an die Bewegungsexpertin und engagierte Frühpädagogin.

Frau Gulden, warum sind Bewegung und Tanz die Basis einer gesunden körperlichen und geistigen Entwicklung?

Ohne Bewegung gäbe es kein Leben und keine Entwicklung. Bewegung bestimmt unser Leben von Anfang an. Von der Wanderung der befruchteten Eizelle über den strampelnden Säugling bis hin zum erwachsenen Menschen, der seinen Weg geht. Allerdings muss der Mensch jede bewusste Bewegung viele Male wiederholen, bis sie letztendlich im Gehirn als funktionsfähiges Muster abgespeichert wird und als Automatismus jederzeit abrufbar ist.

Bei all diesen Lernvorgängen geht es zum einen darum, Bewegungsabläufe zu trainieren, um sie zu automatisieren. Zum anderen wird geübt, alle 656 Muskeln des menschlichen Körpers bewusst einzusetzen, um ein Ziel willentlich zu erreichen. Kinder müssen herumrennen, -tollen und –toben, aber sie müssen darüber hinaus ihren Körper und seine Bewegungsmöglichkeiten kennen lernen. Sie müssen lernen, wie sie welches Körperteil bewegen, wie sich ihr Körper zu Raum und Zeit verhält und vor allem auch, wie ihr Körper zur Ruhe kommt.

Den Körper bei einem Tanz zu bewegen stärkt das Zeit- und Rhythmusgefühl. Die Kinder sammeln auf dies Weise allgemeine zeitliche Erfahrungen durch das Umsetzen gleich bleibender Tempi, die von langsam bis schnell reichen, durch an- und absteigende Tempi und auch durch abrupte Tempowechsel. Sie verinnerlichen dabei außerdem Begriffe wie lang und kurz und entwickeln ein Gefühl für unterschiedliche Rhythmen bei gleichem Takt. Dieses Gefühl hilft ihnen unter anderem später beim Lesen lernen. Ohne einheitlichen Sprachrhythmus wäre ein Textverstehen sowohl für den Zuhörer als auch für das lesende Kind kaum möglich.

Das menschliche Gehirn besteht aus vielen verschiedenen Arealen, die jeweils unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Während des Musizierens ist dementsprechend sowohl die linke als auch die rechte Großhirnhälfte aktiv. Die meisten kognitiven Erfahrungen werden in der linken Hälfte abgespeichert. Dort liegen z.B. die Areale, die für die Sprachverarbeitung zuständig sind, dort sitzen das logische und das mathematische Denken sowie das Abstraktionsvermögen. Die rechte Hemnisphäre hingegen ist für Kreativität, räumliches und bildhaftes Denken sowie das Vorstellungsvermögen zuständig. Für die Intelligenzentwicklung ist die Entstehung von Neuronenverbindungen zwischen den verschiedenen Gehirnarealen – insbesondere zwischen den beiden Großhirnhälften – entscheidend. Musik beeinflusst nicht nur die Intelligenz, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung.

Wie kann eine Kindertagesstätte einen guten Zugang zu Musik und Tanz vermitteln?

Indem sie täglich einen Raum dafür schafft! Zum Beispiel durch freudiges Singen und Musizieren. Dabei kommt den pädagogischen Fachkräften eine besondere Vorbildfunktion zu. Alltagsituationen wie das Aufräumen, Hände waschen oder Anziehen können musikalisch untermalt werden. Musik und Tanz haben eine motivierende Wirkung und sollten als etwas Selbstverständliches erachtet werden.

Die Pflegewerk Akademie hat das zweitägige Seminar „Fit für Krippe und Kita“ mit Ihnen veranstaltet. Welche Inhalte waren für die Teilnehmer besonders interessant?

Die Teilnehmer profitierten viel von der Erarbeitung von praktischen Umsetzungsmöglichkeiten, zum Beispiel von Hinweisen zur sinnvollen Gestaltung eines Morgenkreises oder eines musikalisch begleiteten Tagesablaufs in der Kita. Auch zeigten sie sich davon beeindruckt, welcher Variationsreichtum in einem einzelnen Lied stecken kann.