Pflegesituationen machen oft ratlos

Pflegesituationen machen oft ratlos

Ich habe gerade das “Manifest der Pflegeberufe” unterzeichnet. Die Kampagne des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe soll dafür sensibilisieren, dass in der Pflege angemessene Arbeitsbedingungen und Bezahlung notwendig sind. Sonst könne sich der Personalmangel innerhalb der Pflegeberufe weiter verstärken, argumentiert der Verband für Pflegeberufe.

Ich unterschreibe normalerweise keine Aufrufe so schnell. Unterzeichnet habe ich dieses sogenannte Manifest, weil ich es beim Recherchieren gefunden habe. Bevor ich diese Zeilen schrieb, wollte ich nochmal wissen: Wie sieht es aktuell in der Pflege aus? Ergebnis: Die gleichen Probleme wie seit Jahren.

Eigentlich habe ich mit den Pflegeberufen nicht allzuviel zu tun.

Gestatten: Mein Name ist Bernhard Jodeleit, und ich bin als Dienstleister daran beteiligt, dass Pflegewerk jetzt diese neue, interessantere Website hat. Gemeinsam mit meiner Kollegin Nicole und dem Pflegewerk-Team betreue ich hier auf der Website die Themenplanung.

Mit den Pflegeberufen nicht viel zu tun? Oh doch. Ehrlich gesagt berührt es mich ganz persönlich, dass wir hier für Sie Themen zusammenstellen und Artikel schreiben. Sie sind eine Zielgruppe oder Dialoggruppe, wie es neudeutsch heißt, die jeden Tag mit schwachen, kranken und sterbenden Menschen arbeitet.

Und mit den Pflegeberufen hatte ich in meinem Leben eben doch schon sehr viel zu tun.

Mir war es wichtig, dazu einige Gedanken aufzuschreiben. Die vielleicht gar nicht so zum Agenturmenschen / Themenplaner / Journalisten passen.

Ich möchte mich bei allen Menschen bedanken, Menschen wie Ihnen, die jeden Tag Ungeheures leisten, wenn sie sich um die Menschen kümmern, die es am meisten brauchen.

Warum?

Ich habe häusliche Pflege schon erlebt.

Mehrere Jahre lang. Und ganz eng. Demenz. Was es bedeutet, wenn Angehörige aufopferungsvoll um Menschen mit Demenz pflegen und dabei an ihre eigenen Grenzen stoßen.

Die Demenz fängt langsam an.

Seniorin

Seniorin

Vielleicht vergisst man Manches sogar ganz gern? Ich glaube schon. Lebt man dann lieber in der Vergangenheit? Gerade, wenn man den wichtigsten Menschen, den Partner, schon verloren hat? Dann wirft sie, die Demenz, ihre Schatten immer stärker, Tag für Tag. Beste Freundin und tödliche Feindin.

Es beginnt mit der Nachricht: “Die könnt ihr nicht mehr allein lassen. Sie hat eine falsche Freundin und hebt jeden Tag 100 Euro vom Konto ab – für die Freundin.”

Es geht weiter mit dem Entschluss zur Pflege zu Hause. „Das schaffen wir doch irgendwie“, sagt man dann. Es fängt damit aber wirklich erst an. Jahre der Aufopferung, Hingabe und immer wieder auch Verzweiflung. Die zu pflegende Person am Waldrand eingesammelt. Sie wäre sonst erfroren, aber jemand hat sie gefunden. Zu Hause: sich wiederholende Dialoge. Alte Geschichten. Aus ihrer Kindheit. Sie erzählt, kennt einen nicht mehr, weiß nicht, wem sie das alles erzählt. Sie darf Handarbeiten anfertigen, klöppeln. Die Ergebnisse werden aber immer mehr das Chaos im Kopf allzu deutlich zeigen. Was früher Stärke war, das geht heute daneben und wirkt verstörend. Wilde Muster. Getrennte Nahrungsaufnahme, weil man es nicht mehr ansehen kann, was alles unter dem Tisch landet. Überhaupt landet alles Mögliche irgendwo. Sie spricht mit sich selbst im Badspiegel. Sie kennt ihren eigenen Sohn nicht mehr und fragt: „Was macht der Dicke da unten im Garten?“ – Oder auch, zu nahen Verwandten: „Wohnst du auch hier?“ – Die Liste der täglichen Überforderungen wäre fortzusetzen.

Aber Sie kennen es. – Es endet – ironischerweise, vielleicht auch zum Glück – nach Jahren mit dem Entschluss, dass es nicht mehr geht und doch eine Heimbetreuung her muss. Natürlich mag sie es wohl nicht, aber sie begreift es auch nicht. Nicht nach unseren Maßstäben. Und – kaum ist der Entschluss umgesetzt und der Heimplatz bezogen – geht die demente Person aus dem Leben. Ihr Weg ist beendet, die beste Freundin und Feindin hat gewonnen. Und wir erinnern uns liebevoll an die Person, egal, ob während ihrer Demenz oder zu früheren Zeiten.

Wie wichtig sind in solchen Situationen Pflegekräfte, die professionell arbeiten. Rücksicht auf die Betroffenen nehmen, aber auch auf sich selbst. Damit sie jeden Arbeitstag von Neuem diesen Einsatz bringen können.

Aber was sehen wir im Fernsehen, lesen wir in Magazinen? In den Medien lesen, hören und sehen wir häufiger von denen, die es nicht schaffen, die Pflegekräfte sind, aber sich falsch verhalten. Häufiger als von denen, die es jeden Tag gut machen und ihr Bestes geben. Das ist für jede(n) von Ihnen, die/der Tag für Tag ihr oder sein Bestes gibt, mitunter auch demotivierend.

Es fehlt die Anerkennung. Und durch ein Gehalt, das dem von Software-Ingenieuren, Beratern oder gar Piloten entspricht, wird diese fehlende Anerkennung leider auch nicht kompensiert. Weil die Träger schlicht nicht mehr bezahlen können.

Pflegeberufe: Gerade wichtig, wenn jemand stirbt.

Ich erinnere mich an meine Erfahrungen in der Begleitung eines todkranken Menschen. In der Klinik waren die Möglichkeiten ausgeschöpft. Dann der Weg nach Hause. Weil nichts mehr zu retten war. Letztlich, zum Schluss, die Palliativstation. Die Klinik hatte eine sehr menschliche Philosophie. Ich denke gerne an den sardischen Pfeger auf der Palliativstation zurück. Vielleicht Mitte 20. Ein wunderbarer Mensch.

Wie war ich froh.

Die Bodenhaftung wieder finden - wenn jemand stirbt

Die Bodenhaftung wieder finden – wenn jemand stirbt

„Dann schauen wir, wie lange es noch trägt.“

Es sind die kleinen Unterschiede. Auch in der Kommunikation. Wie vermittelt man einem Menschen, dass es jetzt Zeit ist, sich mit dem Tod zu beschäftigen? Ich habe es so erlebt – die Aussage gegenüber dem Sterbenden, in diesem Fall seitens des Arztes, lautete: “Jetzt machen wir noch folgende Therapiemethoden. Dann schauen wir, wie weit das noch trägt.” Das war für mich eine klare, sachliche, aber nicht zu niederschmetternde Aussage, mit der ich auch als Angehöriger gut umgehen konnte. Das habe ich sehr positiv in Erinnerung.

Und gerade deshalb möchte ich es nochmals wiederholen: Ich danke Ihnen in dieser Branche der Pflegeberufe wirklich. Allen denen, die sich selbst schützen und abgrenzen. Die es daher jeden Arbeitstag von Neuem schaffen, sich empathisch, professionell und dann doch immer wieder sehr persönlich – trotz aller Abgrenzung – denen zu widmen, die krank sind, egal ob akut oder chronisch, die schwach sind, die sterben.

Und weil ich das alles nicht vergessen kann, was ich bisher mit Pflege in den Grenzbereichen des Lebens erlebt habe, fällt mir noch ein Gedanke ein:

Sie als professionelle Personen in den Pflegeberufen prägen das Weltbild Betroffener und Angehöriger.

Damit, wie Sie als professionelle Pflegerinnen und Pfleger mit Menschen umgehen, prägen Sie nicht nur das Weltbild und Vieles mehr bei den Kranken, Sterbenden oder Hilfsbedürftigen. Sie schaffen auch bleibende Erinnerungen bei den Angehörigen. Die Angehörigen, denen es körperlich noch gut geht, vergessen diese Erfahrungen nie. Es prägt ihr Weltbild. Ebenso wie das der Betroffenen.

Eine Begegnung mit professionellem Pflegepersonal, das sich bei all den Anforderungen fit für die täglichen Herausforderungen hält, ist durch absolut nichts zu ersetzen. Solche positiven Begegnungen machen aus allen Menschen, die Ihnen begegnen, bessere Menschen. Die ihrerseits wieder verstehen, was Hilfe, aber auch Selbstabgrenzung und Selbstschutz bedeuten.

Ich wünsche Ihnen alles Gute für jeden neuen Arbeitstag. Oder für die Suche nach einer neuen, passenden Aufgabe.Weil Sie gute Arbeitsbedingungen in Ihren Pflegeberufen und faire Vorgesetzte verdient haben.

Falls Sie Stellenangebote in den Pflegeberufen suchen und erstmals auf dieser Website sind: Pflegewerk bietet eine Jobbörse.

Fotos: Lizenz Creative Commons CC0 / pixabay, unsplash